Deutsche Sprache, schwere Sprache

Durch das Lernen einer Fremdsprache lernt man auch ziemlich viel über seine eigene Muttersprache. Beispielsweise kann ich nun die vier Fälle im Deutschen wieder auseinanderhalten, und mir ist die typisch deutsche Eigenschaft des Wortzusammensetzens bewusst geworden. Es ist nämlich kein Naturgesetz, dass Apfel+Saft=Apfelsaft ist (bzw. auf Englisch, das in dieser Hinsicht wie die deutsche Sprache funktioniert apple + juice = apple juice). Im Polnischen wird eines der Worte zum Adjektiv, man trinkt also sok jabłkowy („Saft apflig“) und kauft Fahrkarten an der kasa biletowa (im Nahverkehr auch am automat biletowy), oder ein Wort wird zum Genitiv: plan miasta heißt wörtlich „Plan der Stadt“, also „Stadtplan“. Deutschlernende Polen zeigen sich angesichts der zusammengesetzten deutschen Schlangenwörter immer wieder beeeindruckt. Oft werde ich gefragt, welches das längste deutsche Wort ist, aber da man ja Wörter beliebig zusammensetzen kann, ist diese Frage nicht beantwortbar. Ein Klassiker (natürlich ein Kunstwort) ist aber immer das Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitänsmützenabzeichen.

Dieses Puzzleln wird aber oft noch als logisch und einfach wahrgenommen. Beim Tandemlernen mit Polen habe ich gemerkt, wo die wahren Fallen der deutschen Sprache liegen:

  • Die Bildung des Perfekts, die bei den meisten Verben mit haben, bei Bewegungsverben jedoch mit sein erfolgt (Beispiel: ich habe gegessen, aber ich bin gelaufen). Dabei gibt es auch noch regionale Unterschiede: im Norden Deutschlands hat man gesessen, im Süden ist man gesessen.
  • Artikel: Im Polnischen gibt es keine Artikel. Ein Pole, der Deutsch spricht, muss für den Gebrauch eines Artikels gleich drei Entscheidungen treffen: unbestimmt oder bestimmt (also meint er ein Haus oder das Haus?), dann das Geschlecht des Substantivs (wofür es im Deutschen quasi keine Regeln gibt, außer dass Wörter auf -ung und -heit weiblich sind) und schließlich den Fall. Wenn er dann diese Entscheidungen hoffentlich richtig getroffen hat, muss er aus einer mehrseitigen Tabelle noch den richtigen Artikel raussuchen und schlimmstenfalls noch das Adjektiv anpassen: wieso heißt es eigentlich „ein blaues Auto“, aber „das blaue Auto“?
  • Die Pluralbildung, die auch ohne „German Ordnung“ auskommt: wieso heißt die Mehrzahl von „Haus“ eigentlich „Häuser“, die von „Maus“ aber „Mäuse“? Und auch hier: wieso ist „Haus“ neutral und „Maus“ weiblich?
  • Der Satzbau: „Ich gehe einkaufen“, aber „Morgen gehe ich einkaufen“. (Hier gilt: im Hauptsatz steht das Verb immer an zweiter Stelle.) Besonders schwierig wird es, wenn Vorsilben abgetrennt und ans Satzende gesetzt werden: „Er steigt aus dem Zug aus.“ Das passiert nämlich nicht bei allen Verben mit Vorsilbe, sondern nur bei denen, bei denen die Betonung auf der Vorsilbe liegt. Mein Lieblingsbeispiel ist dann immer „übersetzen“ (ich setze über) und „übersetzen“ (ich übersetze). Das Polnische ist beim Satzbau übrigens sehr viel flexibler.
  • Mit der akustischen Unterscheidung von ö und ü tun sich auch viele schwer.

Vor diesem Hintergrund bin ich immer erstaunt, wie gut viele Polen dennoch Deutsch sprechen.

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Kategorien: Deutschland für Polen | Hinterlasse einen Kommentar

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