Einflüsse

Im polnisch-deutschen Verhältnis erhält die Geschichte zwischen 1939 und 1945 bekanntlich verstärkte Aufmerksamkeit. Das ist natürlich richtig und wichtig, allerdings befürchte ich, dass dadurch immer wieder das Trennende in den Vordergrund gestellt wird. Dabei gab es über Jahrhunderte vieles Verbindendes und Gemeinsames. Im heutigen Staatsgebiet Polens lebten lange Zeit Polen und Deutsche, die heute oft benutzten nationalen Schubladen sind eine Entwicklung des 19. Jahrhunderts. Dabei ist es schon skurril, wie sowohl polnische als auch deutsche Historiker des 19. und 20. Jahrhunderts immer wieder versucht haben, komplexe historische Zusammenhänge in diese Schubladen zu pressen, obwohl das der komplexen historischen Wirklichkeit in keiner Weise gerecht wurde. Letztlich ging es immer darum, die eigenen nationalen Ansprüche auf bestimmte Städte, Regionen oder gar Personen (z.B. Kopernikus) zu rechtfertigen und/oder die vermeintliche Überlegenheit der eigenen Nation zu demonstrieren.

Zumeist wurde dabei auf einst regierende Könige oder Adelsgeschlechter verwiesen, die vor Jahrhunderten einmal in der zu erforschenden Region lebten. Ein gutes Beispiel dafür sind die Piasten, die in den seit 1945 polnischen Westgebieten (den in der damaligen Propaganda „wiedergewonnen Gebiete“) lebten und die nun in vielen Städten als Namenspaten für Straßen oder ganze Siedlungen (= Massenwohnungsbau) dienten – selbst in Krakau gibt es eine Osiedle Piastów (Piastensiedlung). Andererseits wurden Ereignisse , die nicht ins Bild passten, je nach Sichtweise entweder ignoriert oder im eigenen Sinne überinterpretiert: So setzten sich bei der Belagerung Danzigs 1734 die überwiegend deutschsprachigen Danziger Kaufleute für die Wahl eines Polen (Lesczyński) zum polnischen König ein – aus rein pragmatischen Erwägungen. Letztlich wurde August III. (von Sachsen) auch König von Polen, aber im Nachhinein bereiteten die Ereignisse des Jahres 1734 den „Schubladen-Historikern“ natürlich arge Probleme. In Deutschland wurden sie daher weitgehend ignoriert, in Polen zum heldenhaften Kampf für das Polentum hochstilisiert.

Dabei merkt man schon beim Blick auf Alltägliches, wie stark sich die vermeintlich deutsche und die vermeintlich polnische Kultur gegenseitig beeinflusst haben. Polnisches Essen ist nämlich (trotz Piroggen, Barszcz und Wodka) mitnichten nur „osteuropäisch“, auch Schweineschnitzel, Rippchen oder Fisch stehen auf dem Speiseplan. Und in Kneipen wird Bier in größeren Mengen konsumiert als Wodka.

Weitere Hinweise auf eine gemeinsame Vergangenheit finden sich in den Sprachen: beispielsweise werden die Vokale (als eines der prägendsten Elemente für den Klang einer Sprache) in beiden Sprachen gleich ausgesprochen, und Redewendungen sind oft wörtlich übersetzbar: auch im Polnischen war man „den ganzen Tag auf den Beinen“ und spricht „hinter ihrem Rücken“ über eine andere Person, und vor Beginn eines Wettbewerbs sagt man „Na miejsca – gotowi – Start!“ („Auf die Plätze – fertig – Los!“).*

Eine Kaffeehauskette warb neulich sogar mit „Mamy rękę na kawę“ (wörtlich „Wir haben eine Hand für Kaffee“), wobei diese Redewendung nicht allen Polen, die ich dazu befragt habe, bekannt war. Und schließlich – und ganz wichtig: anders als im Englischen oder Französischen antworten Polen genauso auf ein „Danke“ wie Deutsche – mit einem simplen Proszę (Bitte).

Auch umgekehrt sind solche Einflüsse erkennbar: das Ruhrpottdeutsch soll z.B. maßgeblich vom Polnischen beeinflusst sein, und Namen wie Kowalski (die polnische Variante von Schmidt – daher auch der Name der RBB-TVP-Sendung) oder mit -cz- sind auch in Deutschland alltäglich.

Interessant ist übrigens, dass die Vorbehalte auf beiden Seiten wiederholt von den kommunistischen Machthabern genährt wurden, um ihre eigene Macht zu sichern. Antideutsche Propaganda war in der Volksrepublik Polen selbstverständlich, trotz Oder-Neiße-„Friedensgrenze“. Dabei war sicher auch das offizielle Geschichtsbild der DDR hilfreich: der Faschismus wurde pauschal dem Westen bzw. dem Kapitalismus zugeschrieben. Deshalb waren antideutsche Propaganda und die offizielle Freundschaft zur DDR kein Widerspruch. Als 1980 in Polen die Solidarność-Bewegung aufkam, wurde die in den siebziger Jahren zeitweise recht offene“Friedensgrenze“ geschlossen, und es ist wohl kein Zufall, dass eben zu dieser Zeit das Denkmal Friedrich II. wieder in Berlin Unter den Linden aufgestellt wurde. Dieser war nämlich an der ersten Polnischen Teilung 1772 beteiligt, und auch 1980 gab es ranghohe DDR-Politiker, die einen Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten (wie in Prag 1968) in Polen befürworteten.

Leider wird das Polen-Bild in der deutschen Öffentlichkeit nur sehr langsam besser. Obwohl nur wenige Deutsche etwas über die polnische Geschichte vor 1939 und nach 1945 oder über das heutige, moderne Polen wissen, hat das Land ein schlechtes Image in Deutschland. Selbst Bewohner der Grenzregion kennen oft nur die Grenzmärkte und Tankstellen jenseits der Neiße, eine Fahrt ins gerade mal zwei Stunden von Görlitz entfernte Breslau scheint für viele schon eine unzumutbare Belastung darzustellen, obwohl es sogar für Tages- oder Wochenendausflüge nah genug liegt. Umgekehrt fällt mir in Polen immer wieder eine größere Offenheit auf, in den binationalen Zügen treffe ich oft auf Familien, in denen Eltern mit ihren vielleicht fünfjährigen Kindern abwechselnd Deutsch und Polnisch sprechen, und zum Teil sogar Englisch als dritte Sprache. Und auch der Gebrauch der deutschen Stadtnamen stellt nur noch für wenige Polen eine Belastung dar, ich selbst verwende deutsche und polnische Name daher auch synonym (mit Ausnahme der Grenz-Doppelstädte wie Görlitz-Zgorzelec und natürlich bei Oświęcim – fahre ich nach Oświęcim, meine ich die Stadt, fahre ich nach Auschwitz, in die Gedenkstätte).

Allerdings wäre die Aussage „Deutschland = Scheuklappen und Polen = weltoffen“ natürlich auch sehr vereinfachend: in der Warschauer U-Bahn habe ich z.B. mal einen ca. Zwanzigjährigen gesehen, der auf seinem T-Shirt eine blutrote Zeichnung der zerstörten Warschauer Altstadt mit der ebenso blutroten Aufschrift „1944 – Wir vergessen nicht!“ trug. Und es schien nicht so, als stünde für ihn das Gedenken im Vordergrund. In Breslau hat mir ein Pole, als er merkte, dass ich Deutscher bin, „Deutschland, Deutschland über alles“ vorgesungen und mir auf meinen verdutzten Gesichtsausdruck hin erklärt, dass er Nazi sei, weil ja früher nicht alles schlecht gewesen sei. Er war so Mitte Vierzig…

Was lernen wir daraus? Idioten gibt es überall, wir sollten aber darauf achten, dass sie nicht unser Bild von anderen Ländern (oder auch Religionen) bestimmen, sonst sind wir selbst kein bisschen besser. Wenn das mal kein schöner Schlusssatz ist. 🙂

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* Das ist zugleich eine sehr gemeine Falle – bei einem Spieleabend meinte ich neulich „Na miejsca – ugotowany – Start!“, was so viel heißt wie „Auf die Plätze – verloren – Los!“ Andererseits sind solche Missverständnisse auch ein unterhaltsamer Teil des Sprachenlernens. Eine Tandempartnerin in Cottbus hat das Perfekt von „essen“ auch einmal mit „sein“ gebildet: „Ich bin gegessen…“

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Kategorien: Landeskunde | Ein Kommentar

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Ein Gedanke zu „Einflüsse

  1. Ich

    Apropos Ruhrgebiet…

    http://www.mottek-live.de/

    😉

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