Chemie aus Deutschland

Vorhin habe ich mit einem ehemaligen Kommilitonen aus Cottbus gechattet, der kurz zuvor bei Aldi einkaufen war. Er fragte mich, wieso Polen eigentlich so oft palettenweise Produkte wie Waschmittel, Zahnpasta oder Kakao kaufen. Mir sind dafür zwei Gründe eingefallen:

  • Zum einen sind viele Produkte des täglichen Bedarfs in Polen nicht mehr viel billiger als in Deutschland. Besonders deutlich wurde dies während der „Zuckerkrise“ im April letzten Jahres, als auf Grund von Gerüchten, dass der Zucker knapp werde, der Zuckerpreis auf das doppelte des deutschen Preises gestiegen ist (soviel zum Thema „objektive Preisbildung durch die unsichtbare Hand der Märkte“). Viele Polen haben dadurch Zucker in deutschen Supermärkten gekauft, und zwar nicht nur für den Eigenbedarf, sondern auch zum Weiterverkaufen. Es gab wohl zum Teil sogar die Anweisung an Verkäuferinnen, maximal 5 kg Zucker pro Person abzugeben.
  • Zum anderen scheinen viele Polen deutsche Waren für hochwertiger zu halten, selbst wenn sie von der gleichen Marke sind. Vor längerem lief dazu mal ein Beitrag bei „Kowalski & Schmidt“, bei dem Polen befragt wurden, ob sie das deutsche oder polnische Persil (als) besser (emp)fänden. Die meisten entschieden sich für das deutsche. Von diesen Vorurteilen leben ganze Geschäftsmodelle, wie die folgenden Fotos zeigen.

Die Kioske links (in Krakau-Nowa Huta) und in der Mitte (in Trzebnica/Trebnitz nördlich von Breslau) offerieren „Deutsche Chemie“ und „Original Chemie aus Deutschland“, auf dem Komunikat (der Ankündigung) rechts wird in Krakau-Krowodrza Górka ein Parkplatzverkauf direkt aus dem Lieferwagen am Mittwoch, 14. September, von 10.00 bis 10.30 Uhr angekündigt.

Diese Begehr nach ausländischen Produkten bezieht sich nicht nur auf „deutsche Chemie“. Im linken Bild wird direkt nebenan amerikanische Kleidung verkauft, und auch deutsche Schokolade ist sehr beliebt. Viele Supermärkte verkaufen „Schogetten“, und in den riesigen Süßwarenmarkständen gibt es standardmäßig neben polnischem Konfekt „Ritter Sport“ und oft auch andere deutsche Marken. Als ich vor einigen Monaten mal von Berlin nach Krakau gefahren bin, sind in Görlitz mit mir gemeinsam zwei ältere Damen mit insgesamt fünf Reisetaschen voller Schokolade in den Zug Richtung gestiegen. Ich gehe nicht von einem Eigenbedarf aus.

Sogar Ketten profitieren vom guten Ruf Deutschlands: Rossmann dürfte sich ohne diesen wahrscheinlich nicht derart stark in Polen verbreitet haben wie es nun der Fall ist – es ist nämlich ziemlich teuer, sowohl im Vergleich zum Discounter als auch im Vergleich zu seinen eigenen Geschäften in Deutschland. Ein Deo kostet in einer polnischen Filiale z.B. umgerechnet gut 2,50 Euro (das gleiche kurz darauf in einer deutschen: 1,79 Euro).

Es gibt aber auch zumindest vereinzelt gegenteilige Beispiele. Neulich griff ich zum Beispiel zur Kakao-Milch-Creme der Eigenmarke des Lebensmittelgeschäfts um die Ecke, und erst Tage später entdeckte ich beim Durchstöbern meiner regelmäßigen Frühstücksliteratur (Lebensmittelverpackungen) eher zufällig diesen dezenten Hinweis:

Hergestellt für die Lewiatan Holding AG durch:
Wilhelm Reuss GmbH & Co. KG, Lebensmittelwerk.
Sonnenalle[e] 227
12057 Berlin, Deutschland

Einige Unternehmen scheinen also wirklich auf Eigenmarken statt den Glanz Deutschlands zu setzen.

Nach dem ganzen Schreiben über Schokolade bin ich nun aber erstmal hungrig. Daher wünsche ich: Dobranoc – Gute Nacht!

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Kategorien: Landeskunde | Hinterlasse einen Kommentar

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