Breslau · Wrocław

Mein Interesse an Polen und der polnischen Sprache begann während eines Erasmus-Aufenthalts im Wintersemester 2009/10 in Breslau. Deshalb möchte ich diese Stadt im Folgenden auch kurz vorstellen. Zunächst zur Aussprache: Das polnische Ł wird wie das englische W ausgesprochen, wie z.B. in well. Demzufolge heißt Breslau auf Polnisch [Frotzwuaff], wobei Polen selbst beim Englischsprechen das Ł zum L machen.

Breslau befindet sich im Südwesten Polens, hat 630.000 Einwohner und ist Hauptstadt der Woiwodschaft Niederschlesien (Dolnośląsk). In den letzten Jahren hat es eine rasante Entwicklung hingelegt, es wird oft als die dynamischste Stadt Polens bezeichnet. Das bestätigen auch meine Eindrücke, jedes Mal ist etwas grundlegend anders als beim Besuch zuvor. Als ich im Sommer letzten Jahres mal mit dem Bus aus Krakau gekommen bin, erblickte ich schon auf der Autobahn ein Hochhaus (man könnte fast schon „Wolkenkratzer“ sagen), das offensichtlich in Breslau lag, mir aber völlig unbekannt war. Als ich dann gesehen habe, wo es lag, erinnerte ich mich dunkel, von diesem Projekt schonmal gehört zu haben, aber die Schnelligkeit des Baus war beeindruckend – immerhin war ich seit 2009 mindestens alle sechs Monate in Breslau (von Cottbus aus kann man nämlich Tagesausflüge nach Breslau machen).

Krakau wirkt dagegen ruhig und behäbig (und es gilt auch unter Polen nicht unbedingt als die wirtschaftlich dynamischste Stadt des Landes). Andererseits ist das natürlich auch auf die Geschichte der beiden Städte zurückzuführen: Auf der einen Seite Krakau, dessen Altstadt im letzten Krieg unzerstört blieb und 1978 zum Weltkulturerbe erklärt wurde, auf der anderen Seite Breslau, dessen Innenstadt zur Festung mit angeschlossener Landebahn (der heutige Plac Grunwaldzki) erklärt wurde – was die beinahe völlige Zerstörung der Innenstadt zur Folge hatte. Nach dem Krieg ging die Zerstörung zunächst weiter: einerseits brauchte man Steine für den Wiederaufbau der Warschauer Altstadt, die z.T. aus den Trümmern Breslaus beschafft wurden, andererseits zerstörte man bewusst preußische Gebäude, da in der polnischen Nachkriegspropaganda eine direkte Linie „von Friedrich II. zu Hitler“ gezogen wurde. Ironischerweise wurde kein einziger „Nazibau“ abgerissen, sogar das heutige Woiwodschaftsamt ist ein solcher. Dies war schlicht damit zu erklären, dass diese Gebäude natürlich relativ modern – sie waren ja erst um die zehn Jahre alt – und dank Stahlbetonkonstruktion recht robust waren, den Krieg also relativ gut überstanden. Und nach dem Krieg brauchte die neue polnische Verwaltung natürlich auch Gebäude.

Nun aber zu einigen Fotos:

Herz der Stadt ist der Marktplatz (Rynek) mit dem Rathaus.  Auch dieser wurde im Krieg weitgehend zerstört, insbesondere auf der (hier nicht abgebildeten) Südseite blieb kein Stein auf dem anderen. Er wurde aber dann nach und nach im vermeintlich „polnischen“ Stil wieder aufgebaut. Diese Nachkriegsbauten sehen zwar äußerlich viel älter aus, sind aber reine Fassadenarchitektur. Innen sind sie zweckmäßig bis einfach geschnitten, nicht immer so, dass es zur Fassade passt. Ein Beispiel dafür: Auf dem mittleren Bild (das die Westseite des Ryneks zeigt) ist ein Fenster nur aufgemalt. Welches?

Vom Mathematikerturm der Universität bietet sich dieser Blick über die Breslauer Innenstadt (die sich südlich des Turms befindet, daher musste ich leider gegens Licht fotografieren). Beim Vergleich dieser beiden Aufnahmen vom November 2009 (links) und Dezember 2011 (rechts) fällt auch der scheinbar plötzlich gebaute Wolkenkratzer auf.

Mitte der 80er Jahre entstand in Breslau eine neue Form des antikommunistischen Widerstands, die nach und nach viele andere polnische Städte erfasste: die Orange Alternative (Pomarańczowa Alternatywna), die vor allem durch Happenings auf sich aufmerksam machte. So organisierte sie Demonstrationen, bei denen am Anfang des Demozugs ein Transparent „Beginn des Fortschritts“, in der Mitte ein Transparent „Mitte des Fortschritts“ und am Ende – was wohl – ein Transparent „Ende des Fortschritts“ gezeigt wurden. Zur zentralen Figur dieser Bewegung entwickelte sich der Zwerg. Es begann damit, dass antikommunistische Parolen an Wänden von der Staatsmacht übertüncht wurden – und die Bewegung dann die übertünchte Fläche mit Zwergen übermalte (siehe linkes Bild, Tafel bei einer Ausstellung auf dem Breslauer Markt). Darüber hinaus trugen die Aktivisten vielfach auch Zwergmützen bei Demonstrationen, um sich nach ihrer Verhaftung über die Staatsmacht lustig machen zu können: „Was? Ihr habt Angst vor Zwergen?“

Heute sind die Zwerge immer noch im Stadtzentrum präsent, nun aber in plastischer und nicht in gezeichneter Form. Weit über hundert Bronzezwerge sind nun im Stadtzentrum verteilt, jeweils gestiftet von Bürgern oder Unternehmen und zumeist passend zum Ort. Ein Selbstbedienungsrestaurant am Markt hat z.B. einen Zwerg mit Pirogge auf seine Eingangsstufe gesetzt. Und der arme oben abgebildete Zwerg sitzt am Fenster des alten Gefängnisses. Auch im Marketing werden sie nun eingesetzt und verkünden auf Straßenbahnen, dass Breslau eine Stadt ohne Barrieren, ohne Vorurteile und für alle sei.

Auch Breslau hat Weltkulturerbe, nämlich die Jahrhunderthalle (Hala stulecia) nordöstlich der Altstadt. Sie wurde zwischen 1911 und 1913 anlässlich der Jahrhundertausstellung 1913 (100 Jahre Befreiungskriege von Napoleon) vom Architekten Max Berg erbaut. Besonders berühmt ist sie für ihre spektakuläre Betonkonstruktion, der Legende nach haben sich die Bauarbeiter geweigert, die entscheidende Strebe der Hilfskonstruktion der Baustelle zu entfernen. Der Architekt (der sich also bezeichnenderweise anscheinend auch weigerte) bot schließlich einem Passanten Geld.

Nach dem Krieg wurde Breslau ja zu einer polnischen Stadt. Die Halle hat den Krieg unzerstört überlebt und hieß nun – passend zur „Volksrepublik Polen“ – „Volkshalle“. 1948 fand hier eine Ausstellung der „wiedergewonnenen Gebiete“ statt, so wurden die neuen polnischen Westgebiete in der offiziellen Darstellung bezeichnet. Die Halle war zu diesem Zeitpunkt das höchste Bauwerk der Stadt, als deutsches Prunkbauwerk – und das ging natürlich gar nicht. Deshalb wurde unmittelbar westlich der Halle, am Hauptzugang, die auf dem zweiten Foto erkennbare gigantische Stahlnadel errichtet, die die Halle überragt (auf dem Foto leider nicht erkennbar). An ihrer Spitze befanden sich anfangs Spiegel, die allerdings recht schnell bei einem Sturm abstürzten.

Nördlich der Jahrhunderthalle befinden sich ein Wasserbecken und die abgebildeten Wandelgänge. Und südlich der Halle der Zoo, der ursprünglich auch zum Ausstellungsgelände von 1913 gehörte – bis heute erkennbar an durch Zäune unterbrochenen Wegen.

Seit einigen Jahren wird die Halle wieder als „Jahrhunderthalle“ bezeichnet.

Nördlich der Altstadt, auf der anderen Seite der Oder, befindet sich die Dominsel mit der Kathedrale.  Die Insel selbst ist heute keine Insel mehr, da der entsprechende Oderarm zugeschüttet ist. Noch immer gibt es aber hier mehrere Oderinseln, die parkähnlich gestaltet sind und im Sommer beliebte Aufenthaltsorte sind. Was den Alkoholgenuss angeht, sind sie sogar Inseln der Anarchie: eigentlich ist es in Polen verboten, Alkohol in der Öffentlichkeit zu konsumieren. Hier ist es aber im Sommer üblich, da man ganz gut sieht, wenn die Polizei kommt.

Während meines Erasmus-Semesters 2009/10 studierte ich an der Architekurfakultät der TH Breslau (Politechnika Wrocławska), die sich am Rande dieses sehr beliebten Parks in der ul. Prusa befand. Am Fakultätsgebäude, abgebildet auf dem 3.-5. Foto (von links), stand noch „Bauschule“. Inzwischen wird das Gebäude aber saniert, und ich weiß nicht, ob die Beschriftung erhalten bleibt. Angesichts dessen, dass Breslau inzwischen sehr offen mit seiner deutschen Vergangenheit umgeht und gerade es in der Architektur üblich ist, Spuren der Vergangenheit zu erhalten, halte ich das gar nicht für so unwahrscheinlich.

Ich wohnte während dieser Zeit in einem Akademik, einem Studentenwohnheim. Ein wesentlicher Unterschied zu seinen deutschen Pendants war, dass in Deutschland das Wohnheim im Vordergrund stand und in Polen eher das Wohnheim. So gab es alle zwei Wochen neue Bettwäsche, die wir dann aber natürlich selbst wechseln mussten. Außerdem saßen rund um die Uhr Damen am Eingang und achteten darauf, dass Fremde nur hineingehen, wenn sie ein Personaldokument hinterlegten.

Mein Zimmer selbst teilte ich mir mit zwei anderen Studenten, den Vorraum mit einem anderen (Zwei-Mann-) Zimmer, und insgesamt vier Räume (also zehn Personen) teilten sich ein Bad, dass zwischen den Vorräumen angeordnet war und daher zwei Türen hatte. Wider Erwarten lief das aber bei uns ganz gut, da in den drei anderen Zimmern ausschließlich Spanier wohnten, die irgendwie andere Schlaf- und Duschzeiten hatten als meine beiden deutschen Mitbewohner und ich.

Schließen möchte ich wieder mit Bildern aus dem Bereich Kunst/Werbung.

  • Links: Das Werk am Museum für moderne Kunst erklärt sich selbst, wenn man die folgenden Wörter kennt: było = war, jest = ist, będzie = wird
  • Mitte: Dieses recht farbenfrohe Werk ist eine sehr geschickte Form der Werbung, hat allerdings einen ernsten Hintergrund. Es ist Teil der „Breslauer Kampagne zur Gewalt- und Kriminalitätsbekämpfung“. Die Überschrift heißt „Was hörst Du bei Deinen Nachbarn?“, unten rechts wird der Leser aufgefordert: „Hören – Sehen – Helfen!“
  • Rechts: Auch in Breslau darf natürlich ein Denkmal für Johannes Paul II. nicht fehlen, hier im Stadtteil Leśnica.

Schönen Sonntag!

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Kategorien: Landeskunde | Ein Kommentar

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