„Następny Przystanek: …“ – Mit der 4 durch Krakau (III) · Tramwajem 4 po miejśce (III)

Im letzten Teil der imaginären Fahrt durch Krakau mit der Linie 4 (eine Karte gibt es in Teil I) geht es heute um Nowa Huta. Zum Stadtteil selbst hatte ich ja im zweiten Teil schon etwas geschrieben, aber hier nun nochmal zur Erinnerung: Nowa Huta („Neue Hütte“) wurde gemeinsam mit der benachbarten Stahlhütte (der Lenin-Hütte) ab 1949 angelegt. Es wurde zunächst als eigenständige, sozialistische Musterstadt geplant, jedoch bereits 1951 nach Krakau eingemeindet. Dennoch ist es in der Wahrnehmung seiner Einwohner ähnlich selbstständig wie „Spandau bei Berlin“.

Wir beginnen dort, wo Teil II aufgehört hat: Am Plac Centralny. Das ist der Platz, der auf der oben abgebildeten Karte… nun ja… ziemlich zentral liegt. Drei Straßen laufen direkt auf ihn zu, die heutige Johannes-Paul-II-Allee streift den Platz im Süden. Ganz interessant an diesem Plan ist, dass darauf sowohl die historischen als auch die heutigen Straßennamen vermerkt sind. Einige Beispiele:

  • Allee des 6-Jahres-Plans > Johannes-Paul-II-Allee
  • Allee der Oktoberrevolution > Anders-Allee
  • Leninallee > Solidarność-Allee
  • Allee der polnisch-sowjetischen Freundschaft > Allee der Freundschaft

Auch „Marks“ und Engels sind nun als Namenspaten unerwünscht. Ein Name hat aber alles überdauert: Die politisch unverdächtige Rosenallee, die von Norden direkt auf den Plac Centralny zuführt.

Der Plac Centralny ist leider auf einem Foto nicht zu fassen, ohne Weitwinkelobjektiv erst recht nicht. Von der Südseite des Platzes ergibt sich dieser Blick. Noch beeindruckender ist es aber, in der Mitte des Platzes zu stehen, die mangels Nutzung eher tot ist, und das Leben um sich rotieren zu sehen: Passanten (zu den zahlreichen Geschäften), Fahrgäste, Straßenbahnen, Busse, Autos…

Der Ostrand des Plac Centralny.

Auf der Südseite des Platzes waren einst ein Kulturhaus und – dahinter – eine Freitreppe den Hang hinab geplant, die aber ebenso wenig realisiert wurden wie der Obelisk in Platzmitte und das Rathaus in der Rosenallee. Statt also vom Tal einen monumentalen Blick auf Nowa Huta zu haben, hat man nun von Nowa Huta einen monumentalen Blick aufs Krakauer Heizkraftwerk.

An Stelle des Kulturhauses wurde dieses Denkmal errichtet, das an die Solidarność-Bewegung und die Geschichte des antikommunistischen Widerstands in der Volksrepublik Polen erinnert. An Museum zur Volksrepublik befindet sich übrigens in unmittelbarer Nähe des Plac Centralny.

Nach einem Halt fährt die 4 die Aleja Solidarności entlang Richtung Stahlwerk. (Bei dieser Gelegenheit bitte ich die springenden Jahres- und Tageszeiten auf den Fotos zu entschuldigen. Sie entstanden in einem Zeitraum von neun Monaten, einige sogar bei meinem ersten Krakau-Besuch 2009.)

Zwischendurch hält die Bahn nochmal an dieser Kirche.

Als sozialistische Musterstadt sollte Nowa Huta natürlich zunächst keine Kirchen haben. Letztlich setzten sich aber die Bewohner, die ursprünglich überwiegend aus Dörfern der Region kamen und anfangs angesichts des Wohnungsmangels oft pendelten, durch. Tatkräftig unterstützt wurden sie dabei vom Krakauer Kardinal Karol Józef Wojtyła, dem späteren Papst Johannes Paul II. Die erste Kirche war aber nicht das abgebildete, relativ zentral im Stadtteil gelegene Gotteshaus, sondern…

… die Kirche Arka Pana (Arche des Herrn), die sich nördlich der ersten Bauabschnitte von Nowa Huta (in der Nähe der Haltestelle Teatr Ludowy – Volkstheater) befindet.

Selbstverständlich befindet sich dort heute eine Statue Johannes Paul II., eine von dreien, die ich allein in Krakau kenne.

Auch die Kirche in der Aleja Solidarności wird von einer Statue „bewacht“. Hierbei handelt es sich aber nicht um Johannes Paul II., sondern um Jerzy Popiełuszko, einen Priester, der die Solidarność unterstützte und 1984 vom polnischen Geheimdienst umgebracht wurde. An seiner Beerdigung in Warschau nahmen mehrere hunderttausend Menschen teil (wikipedia spricht von bis zu 800.000, ich hatte aber auch schon von 120.000 Teilnehmern gehört) – so viele Menschen konnten seit Verhängung des Kriegsrechts 1981 und dem Verbot der Solidarność 1982 nicht mehr zu Demonstrationen gegen den Staat mobilisiert werden.

Ein kleines Detail am Rande. (Polnische Kioske sind übrigens äußerst praktisch, da sie so ziemlich alles anbieten – z.B. auch Taschentücher.)

Nun erklimmt die 4 die Steigung zum Haupteingang der Stahlhütte, das vom Stadtteil Nowa Huta durch einen Grünzug getrennt ist.

Zwischen dem eben gezeigten Park und der Stahlhütte  zweigt dieser einscheinbare Weg ab und führt…

… nach Krzesławice mit seiner Holzkirche, die allerdings erst seit den 1980er Jahren hier steht. Vorher befand sie sich in einem anderen Dorf.

Währenddessen erreicht die 4 die Haltestelle „Kombinat“ und somit…

… den Haupteingang der früheren Leninhütte. Seit dem Ende des Kommunismus ist das Werk nach Tadeusz Sendzimir benannt, einem polnischen Physiker, der im amerikanischen Exil lebte. Seine hervorragenden Verbindungen in die hohe US-Politik ermöglichten es, bei einer Erweiterung der Leninhütte in den 60er Jahren US-Technik einzusetzen – trotz des Embargos, das eigentlich seinerzeit für die Ostblockstaaten galt.

Markenzeichen des Haupteingangs sind die beiden Verwaltungsgebäude. Gerade das nördliche sieht man bereits ab dem Plac Centralny, wenn man die Aleja Solidarności hinuntersieht.

Die Linie 4 hält leider nur am Haupteingang und entfernt sich dann wieder von der Stahlhütte, man sieht also recht wenig von diesem riesigen Industriegelände (würde man die Krakauer Hütte nach Berlin verpflanzen, nähme sie etwa den Bereich zwischen Alexanderplatz, Hauptbahnhof, Großem Stern und Potsdamer Platz ein).

Wer also mehr davon sehen möchte, sollte am Kombinat oder am Plac Centralny Richtung Pleszów umsteigen. Diese Linien fahren unmittelbar an der Südmauer des Werkes entlang, vorbei an Haltestellen wie „Tor Nummer 4“, „Tor Nummer 5“, „Koksochemia“ und … „Brombeerstraße“.

Abstecher nach Pleszów

Die Haltestelle „Koksochemia“.

Von der Straßenbahnwendeschleife führt eine Straße ins Stahlwerk (aber nicht aufs Gelände) und erlaubt weitere Einblicke.

Ganz skurril wird es, wenn man in das Dorf Pleszów hineingeht. Hier scheint man plötzlich in einer anderen Welt zu sein, und man bekommt eine Vorstellung, wie es in dieser Gegend vor dem Bau der Hütte und des Stadtteils aussah. Um die Dörfer herum gab es die fruchtbarsten Böden der Region. Vielleicht hat die Brombeerstraße ihren Namen noch aus dieser Zeit.

Pleszów hat alles, was man sich in einem osteuropäischen Dorf vorstellt – eine Dorfkirche, …

… ein Lebensmittelgeschäft (fast hätte ich „Konsum“ geschrieben) und …

… Holzhäuser.

Das Stahlwerk ist trotzdem immer präsent.

Vom Kombinat zur Endstation – die letzten 5 Minuten

Wer hingegen vorzieht, in der 4 zu verbleiben, findet sich bald in einer ziemlich toten Gegend wieder, gesäumt von Speditionen, einem Straßenbahnbetriebshof, einigen Gewerbebetrieben und diesem abgebrannten Haus an der Haltestelle „Elektromontaż“ [Elektromontasch].

Die Haltestelle „Wiadukty“ liegt auf dem ersten Blick mitten im Nichts, das Werbeplakat ist die prägende bauliche Anlage des Umfelds. Auf dem zweiten Blick bemerkt man aber, dass versteckt hinter Pappeln und einem der Wiadukty einige Gewerbebetriebe liegen, was auch erklärt, wieso wider Erwarten hier eigentlich immer Menschen ein- und aussteigen.

Nach Überqueren der Viadukte fährt die Bahn in den Stadtteil Wzgórza Krzesławickie hinein (bzw. eher an dessen Rand entlang). Hier wird man sogleich freundlich, wenn auch mit ausgeblichener Farbe begrüßt: „Welcome to Wzgórza“.

Auch von der anderen Seite ist die Leitung beschriftet: „Ich liebe Dich, mein Bärchen!“ (eigentlich sogar Bärchenchen, da hier von der Verkleinerungsform nochmal die Verkleinerungsform gebildet wird)

Was der Künstler leider nicht bedacht hat: Dieser Weg führt nicht nur zur Haltestelle, sondern auch zum Friedhof…

… der kurz darauf auf der rechten Seite sichtbar wird.

In Fahrtrichtung links befindet sich die Osiedle Na Stoku (Siedlung auf dem Hang).

In neuen und nachgerüsteten Bahnen heißt es nun:

„Wzgórza Krzesławickie. Koniec trasy. Prosimy opuścić pojazd. Dziękujemy za wspólną podróż.“ (Krzesławicer Berg. Endhaltestelle. Bitte verlassen Sie das Fahrzeug. Wir danken für die gemeinsame Reise!“)

In diesem Sinne: Na razie – Bis bald!

Kategorien: Krakau | 4 Kommentare

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4 Gedanken zu „„Następny Przystanek: …“ – Mit der 4 durch Krakau (III) · Tramwajem 4 po miejśce (III)

  1. Guest

    Hier findest du übrigens eine streetview für Polen (Kraka, Warschau, Kohlenpott usw.)

    http://www.norc.pl/street-view/

    Die von google gibt es ja noch nicht.

  2. NN

    Das ist ja sehr cool!!! war grad im schönen bytom 🙂

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