Das liberale Polen · Polska Liberalna

Die deutsche Sicht auf Polen ist leider eine recht beschränkte: neben dem Dauerbrenner „Autodiebstähle“* wird Polen als sehr rückwärtsgewandtes Land wahrgenommen, gekennzeichnet durch eine angeblich weit verbreitete Deutschenfeindlichkeit, das vermeintlich ständige Herumreiten auf den Verbrechen des 2. Weltkrieges und natürlich einen ausgeprägten Katholizismus.

Das ist aber nicht das Polen, dass ich kenne. Ich hatte noch nie Probleme wegen meiner Staatsangehörigkeit, die meisten jungen Polen sprechen nach meinen Erfahrungen besser Englisch als gleichaltrige Deutsche, und für die meisten sind deutsche Städtenamen wie Breslau oder Stettin kein Problem mehr. Eine Bekannte meinte gar, dass sie selbst mit ihren polnischen Freunden über Breslau statt Wrocław spricht, weil sich das einfacher spricht (ł spricht sich wie das englisch w, z.B. in well). Und während meiner Breslauer Zeit schrieb eine Lokalzeitung einen Artikel über Breslau 100 lat temu (Breslau vor hundert Jahren).

„Aber Kaczyński!“, werden nun vielleicht viele antworten, die die These von der Existenz eines liberalen Polens nicht glauben. Sicher, es gibt ihn, und es gibt Wähler, die er repräsentiert. Wahrscheinlich kommt hier schlicht ein ausgeprägter Stadt-Land- und ein Jung-Alt-Unterschied zur Geltung. Die andere Frage ist natürlich, ob seine Wähler ihn und seine Partei (PiS, ironischerweise ausgesproche wie peace, kurz für „Recht und Gerechtigkeit“) wegen seiner wiederholten deutschfeindlichen Eskapaden wählen – oder weil er sich zugleich für mehr staatliche Fürsorge einsetzt, während die regierende Bürgerplattform von Donald Tusk eher wirtschaftsliberal eingestellt ist und die Eigenverantwortung gestärkt sehen möchte. Darüber hinaus sei darauf hingewiesen, dass während der Regierungszeit der Kaczyńskis die in Polen sehr wohl noch existierende deutsche Minderheit keinen dauerhaften Restriktionen ausgesetzt war – anders als z.B. in der Slowakei, wo der ungarischen Minderheit sogar der Gebrauch ihrer Muttersprache untersagt werden soll.

In meinem Bekanntenkreis gibt es eigentlich nur zwei Reaktionen, wenn die Rede auf (die) Kaczyński(s) kommt: Augenrollen oder Häme. Die Kartoffelaffäre kam aber sehr gut an. 🙂

Seit den letzten Wahlen hat sich auch eine politische Vertretung der jungen Liberalen herausgebildet, die Palikot-Bewegung. Janusz Palikot ist ein ehemaliges Mitglied der Bürgerplattform (PO), der sich in seiner Zeit als Sejm-Abgeordneter der PO vor allem für das Zurückdrängen des Einflusses der katholischen Kirche und eine Liberalisierung des Abtreibungsrechts (das als das strengste in Europa gilt) einsetzte. Mit der Zeit distanzierte sich Palikot aber von der PO, trat schließlich bei den Parlamentswahlen im Oktober 2011 an – und holte aus dem Stand zehn Prozent. Nun ist er mit einem homo- und einer transsexuellen Abgeordneten in den Sejm eingezogen – und nun will auch noch das Kreuz aus dem Sejm entfernen lassen!

Zuvor ist er vor allem durch seine Aktionen aufgefallen. Er ist erschien beispielsweise mit einem Schweinekopf oder Vibrator und Pistole bei Pressekonferenzen, und nachdem bekannt wurde, dass der Präsidentenpalast unter dem zwischenzeitlich abgestürzten Lech Kaczyński eine größere Menge alkoholischer bestellt hatte, veranstaltete er vor dem Präsidentenpalast ein Happening (und musste dafür auch Strafe zahlen, da in Polen der Alkoholgenuss auf der Straße verboten ist).

Das RBB-TVP-Magazin „Kowalski trifft Schmidt“ widmete Palikot im Oktober einen Beitrag (Video). Ich würde ihn irgendwo zwischen Martin Sonneborn und der Piraten-Partei einordnen.

Auf dem oben abgebildeten Plakat bedankt sich die Palikot-Bewegung für die Stimmen und wirbt für einen Tag der offenen Tür.

Auch, wer aufmerksam durch den öffentlichen Raum geht, findet Dinge, die so gar nicht ins Bild des streng katholischen Polens passen:

In Breslau befindet sich direkt gegenüber einer Kirche am Markt*² dieses Kunstwerk von Jesus neben dem Kreuz, einem Hammer und drei Nägeln. Darunter steht (hier leider nicht erkennbar) auf Polnisch und Englisch: Do it yourself.

Es gibt also beides, die strengen Katholiken, die bei Świebodzin (70 km östlich von Frankfurt/Oder) die weltgrößte Jesus-Statue errichten oder – eine Nummer kleiner – sich beim Vorbeilaufen/-fahren an einer Kirche oder einer Heiligenstatue bekreuzigen, aber auch antiklerikale Kräfte, die Palikot wählen, sich für die Rechte der Frauen einsetzen oder solche Kunstwerke wie das abgebildete schaffen – und vieles dazwischen. In dieser Hinsicht ist die polnische Gesellschaft tief gespalten, wie auch ein polnisch-deutsches Autorinnenteam beim Festival „Camera Obskura“ in Bromberg erfahren musste.

Ganz gut auf den Punkt bringt dies diese Aufnahme aus Krakau-Kleparz:

So, ich hoffe, der Text war diesmal nicht zu lang. Nächstes Mal wird es wieder kürzer und bilderreicher, versprochen. 🙂

PS: Wer in diesem Text ein geschmackloses Wortspiel auf Kosten eines Toten findet, hat gewonnen!

_____________
* Trotz damals vorhandener Grenzkontrollen wurden 1995 mehr als 5x so viele Autos in Brandenburg gestohlen wie heute.
*² Mir fällt der Name der Kirche gerade nicht ein. Und da ja zwischenzeitlich alle Internetstadtpläne auf google maps umgestellt sind, kann ich auch nicht nachsehen.

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Kategorien: Landeskunde | Ein Kommentar

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Ein Gedanke zu „Das liberale Polen · Polska Liberalna

  1. guest

    Hier kannst du das liberale Palikot Polen noch besser erkennen ha ha

    _DSC1806

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