Zugfahren in Polen

Beim Lesen dieses Blogeintrags kam ich auf die Idee, mal etwas zum Zugfahren in Polen zu schreiben.

Bekanntlich findet im nächsten Jahr in Polen und der Ukraine die Fußball-EM statt. Das heißt, dass gerade so ziemlich alle polnischen Großstadtbahnhöfe und viele Strecken umgebaut werden. Ein besonderes Lowlight ist neben dem Bahnhof Warszawa Centralna der Breslauer Hauptbahnhof, an dem ich auf vielen meiner Wege zwischen Krakau und Berlin umsteigen muss. An diesem Bahnhof werden gerade die Bahnsteige, die Tunnel, das Bahnhofsgebäude und die Bahnhofshalle saniert und außerdem der Südausgang neugebaut. Da die Zeit bis zur EM eng wird, geschieht dies nicht nacheinander, sondern gleichzeitig. Wer in die Innenstadt will, kann also nicht den direkten Weg durchs (gesperrte) Bahnhofsgebäude nehmen, sondern muss zunächst Richtung Busbahnhof (durch den in Bau befindlichen Südausgang) und dann um den Bahnhof herumlaufen. Dann muss man sich noch durch eine solche Menschenmenge drängen, die darauf wartet, dass der Abfahrtsbahnsteig ihrer Züge angekündigt werden (was in der Regel ca. 5 min vor der Abfahrt geschieht). Durch die Sanierung der Bahnsteige stehen von den üblichen 5 Bahnsteigen nur jeweils 2-3 zur Verfügung, und so will sich die Polnische Bahn nicht dauerhaft darauf festlegen, wo die Züge abfahren. Inzwischen sind auch die Lautsprecher am Vorplatz abgebaut, so dass noch nicht mal Polnischkenntnisse dabei helfen, den Zug etwas eher zu finden.

Wenn man dann mal den richtigen Bahnsteig gefunden hat, muss man unter Umständen darauf gefasst machen, dass der Zug etwas versteckt hinter einem anderen Zug steht. Meinen Zug nach Görlitz hatte ich an jenem Tag auch erst übersehen – und dann zum Glück die Ansage „Der Zug nach Dresden steht an Bahnsteig 4, Sektor C“ verstanden.

Gerade der Zug von Breslau Richtung Dresden ist zumindest auf dem polnischen Teil oft sehr gut gefüllt. Besonders… beeindruckend war es am Freitag vor dem 1. November, einem Feiertag in Polen, der dieses Jahr ein verlängertes Wochenende erlaubte. Zur Feier des Tages fuhr der Zug dann mit einem statt zwei Wagen, und es war nochmal viel kuscheliger als auf dem Foto. Immerhin hat der Lokführer die übliche deutsch- und polnischsprachige Begrüßungsansage ausgeschaltet, da sie sicher wie Hohn vorgekommen wäre. Eigentlich schade, ich mag es immer, wenn die Polin „Szanowni Państwo, witamy państwa w pociągach DEUTSCHE BAHN REGIO i życzymy państwa szczęśliwej podróży“ sagt.

Beim Überqueren der Neiße zwischen Zgorzelec und Görlitz sieht es leider schon schon wieder anders aus, die Zahl der Fahrgäste lässt sich hier meist an einer Hand abzählen. Eigentlich schade, denn – abgesehen von gelegentlichen Überfüllungen – ist die Zugverbindung zwischen Breslau und Dresden ganz gut.

Auf den meisten polnischen Bahnhöfen geht es geordneter zu als in Breslau. Auf solchen Tafeln sind die wichtigsten Zielbahnhöfe alphabetisch geordnet aufgeführt, daneben stehen Ankunfts- (weiß) und Abfahrtszeiten (gelb) aus und in diese Richtung. Der Zugtyp kann durch die Farbe der Zeit erkannt werden, der Bahnsteig durch römische Zahlen.

Genauso wie die Deutsche ist auch die Polnische Bahn gelegentlich mit ausländischen Namen überfordert: der EC „Wawel“ fährt über „Lüneberg“ nach Hamburg, eine Grenzstadt in der Lausitz wird in „Först“ umbenannt (wahrscheinlich, weil es die „först stäjschinn in Görmänny“ ist).

Während meiner Zeit in Polen habe ich Abteilwagen echt zu schätzen gelernt. Sie haben mehrere Vorteile:

  • Man kann einfacher zwischen Stehen und Sitzen wechseln (in einem Wagen mit Mittelgang ist das mit dem Stehen immer schwierig, hier kein Problem).
  • Der Kontakt zu den Mitreisenden ist viel persönlicher. Neulich habe ich auf dem Weg von Krakau nach Breslau zum Beispiel zwei Ornithologen kennengelernt, die z.B. von Göttingen geschwärmt haben. (Da muss ich anscheinend also auch mal hin.) Ab und an spricht sogar jemand der Mitreisenden Deutsch, und nachdem man sich dann zehn Minuten mit ihnen auf Deutsch unterhalten hat, versichern sie, dass sie eigentlich gar kein Deutsch mehr können und alles vergessen haben.
  • Heizung und Temperatur können individueller reguliert werden.
  • Einmal hatte ich sogar das Glück, bei einer Nachtfahrt fast allein so ein Abteil zu haben und mich dann auf die Bank legen zu können.

Das eingesetzte Wagenmaterial ist nicht immer das neueste, was auch anhand der aushängenden Netzpläne sichtbar ist: Laut diesem hier (fotografiert im Dezember 2011) führt die Strecke 333 von Zielona Góra (Grünberg) in die Wilhelm-Pieck-Stadt Guben.

In diesem Sinne: Szczęśliwej Podróży – Gute Reise!

Advertisements
Kategorien: Landeskunde | Ein Kommentar

Beitragsnavigation

Ein Gedanke zu „Zugfahren in Polen

  1. Pingback: Neue Zugverbindungen ab Breslau? « przygodapolska

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: