30 lat temu w Polsce – Polen vor 30 Jahren

Vorgeschichte

Während der 70er Jahre litt Polen an einer schweren wirtschaftlichen Krise. Seit 197x waren einige Lebensmittel nicht mehr frei erhältlich, es wurden Lebensmittelkarten verteilt. Als die Regierung im Juli 1980 die Preise für einige Wurst- und Fleischsorten erhöhte, brachen in verschiedenen Teilen des Landes Streiks aus. Obwohl den einzelnen Belegschaften Zugständnisse gemacht wurden und es so gelang, sie wieder zur Arbeit zu bewegen, rissen die Proteste nicht ab – bis schließlich Mitte August 1980 die Danziger Lenin-Werft in den Ausstand trat. Die Forderungen der dortigen Belegschaft beinhalteten neben einer „Teuerungsrate“ auch solche nach der Wiedereinstellung aus politischen Gründen entlassener Mitarbeiter (Lech Wałęsa, Anna Walentynowicz) und die Errichtung eines Denkmal für den Opfer des Aufstands von 1970. [1]

Schließlich gipfelte dies in die Gründung der Solidarność, der ersten unabhängigen Gewerkschaft des Ostblocks. In der Folgezeit gab es landesweit immer wieder Streiks in verschiedenen Betrieben – bis zur Nacht vom 12. auf den 13. Dezember 1981.

Die Ausrufung des Kriegsrechts

In jener Nacht wurde das Kriegsrecht ausgerufen:

„Am Morgen des 13. kontrollierten 70 000 Soldaten und 30 000 Polizisten unter dem Schutz von 1750 Panzern und 1400 Panzerkampfwagen die Verkehrsknotenpunkte. Im Fernsehen erklärte Jaruzelski, das Land stehe unter Kriegsrecht. Auf Grund der daraus abgeleiteten Vorschriften wurde die Solidarność suspendiert und ca. 3000 ihrer Funktionäre wurden festgenommen, verhaftet und interniert, die Streik-, Versammlungs- und Bewegungsfreiheit aufgehoben, die Polizeistunde eingeführt, das Telefonnetz ausgeschaltet, Schnellverfahren vor Gericht eingeführt, das Fernsehen militarisiert, Tankstellen geschlossen, fast alle Zeitungen, das gesamte Schul- und Hochschulwesen suspendiert. In den Betrieben übernahmen Tausende von Offizieren als Bevollmächtigte des ‚Militärischen Rates der Nationalen Rettung‘ (Wojskowa Rada Ocalenia Narodowego, WRON) die Leitung.“ [2]

Das Gedenken – die Feierlichkeiten um den 13. Dezember 2011

Schon seit einer guten Woche hingen diese Plakate in der Stadt. Links („586 Tage Kriegszustand“) wird die Eröffnung einer Ausstellung auf dem Plac Szczepański angekündigt, rechts das Gesamtprogramm um den 13. Dezember.

Schon heute Morgen waren Panzerfahrzeuge auf dem Markt ausgestellt. Sie sollten im Laufe des Tages noch ihren großen Auftritt bekommen.

Auch einige Demonstranten nutzten den Jahrestag: „Das System ändert sich, die Staatsgewalt bleibt“. Dahinter halten andere Demonstranten auf weißen Plakaten Fälle aus ihrer Sicht ungerecht Behandelter hoch. Mir haben sie auch ein Flugblatt in die Hand gedrückt, das ich bei Gelegenheit mal übersetzen werden.

Sie waren nicht die einzigen, die die Gedenkfeierlichkeiten nutzten – die „Kaczyński-Partei“ PiS (Recht & Gerechtigkeit) veranstaltete in Warschau einen Marsch, der selbst von einem Geistlichen kritisiert wurde.

Auf dem Plac Szczepański wurde die auf den Plakaten angekündigte Ausstellung eröffnet, die gleich einige Interessierte (und eine Schulklasse, die sicher gezwungen wurde :)) anzog. Auf ihr werden die Ereignisse während des Kriegszustandes tagebuchartig dargestellt. Auf dem rechten Bild der Beginn – Wojna heißt „Krieg“.

Am Nachmittag wurde dann eine Solidarność-Demo auf dem Hauptmarkt nachgestellt. Hier standen sich die Miliz (wir sehen mal davon ab, dass einer von ihnen Jeans trug) und Anhänger gegenüber. Hierbei kamen dann auch die seit dem Morgen hier stehenden Fahrzeuge zum Einsatz, sie wurden (im Rücken der Miliz und auf dem Foto nicht sichtbar) angeschaltet. Schließlich stürmten einige Solidarność-Anhänger auf die Miliz zu, wurden niedergeknüppelt und in eines der Milizfahrzeuge verbracht. Die anderen Demonstranten rannten davon.

Ich habe leider nicht herausfinden können, ob hier eine bestimmte Demonstration nachgestellt wurde oder es einfach eine typische Demo sein sollte.

Wie ging es nach Verhängung des Kriegszustands weiter?

Die Regierung setzte das Kriegsrecht mit aller Gewalt durch. Die Streiks in hunderten Betrieben wurden nach und nach unterdrückt, in der Grube Wujek („Onkel“) in Kattowitz wurden am 16. Dezember gar neun Bergleute von der Polizei erschossen. Bis Weihnachten hatte die WRON die Lage im Griff. In diesen ersten Wochen wurden 1200 Personen zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. [3]

Nichtsdestotrotz bildeten sich in der nächsten Zeit neue Demonstrationsformen heraus:

  • Kurzstreiks (oft am 13. eines Monats)
  • demonstrative Spaziergänge um 19.30 Uhr (zur Zeit der Hauptnachrichten)
  • demonstratives Tragen des Solidarność-Abzeichens oder schwarzer Kleidung
  • Boykott des Fernsehens durch fast alle namhaften Schauspieler

Einige wenige Solidarność-Funktionäre konnten der Verhaftung entgehen und arbeiteten im Untergrund weiter. Es gab noch während des Kriegsrechts Massenaufmärsche mit z.T. über 100 000 Teilnehmern, die aber z.T. auch blutig ausgingen. Allerdings waren die Teilnehmerzahlen ebenfalls rückläufig, und Mitte der 80er Jahre konnte von einer Massenbewegung keine Rede mehr sein. [4]

Das Kriegsrecht wurde schließlich im Juli 1983 aufgehoben. [5]

Trotz ihres zwischenzeitlichen Verbots existiert die Solidarność als Gewerkschaft noch heute. Auf dem Bild ist eine Solidarność-Flagge im Bahnhof Węgliniec (von Breslau aus der Verzweigungsbahnhof Richtung Görlitz, Hoyerswerda und Żary – Cottbus) während eines Eisenbahnerstreiks im Sommer 2011 zu sehen. Betroffen war aber nur der Regionalverkehr, mein Eurocity von Berlin nach Krakau fuhr ganz nochmal.

Quellen
[1] Włodzimierz Borodziej: Geschichte Polens im 20. Jahrhundert, München 2010, S. 359f.
[2] ebd., S. 368f.
[3] ebd., S. 369.
[4] ebd., S. 369ff.
[5] ebd., S. 371.

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Kategorien: Landeskunde | 3 Kommentare

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3 Gedanken zu „30 lat temu w Polsce – Polen vor 30 Jahren

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